2018 hat die Generali Leben einen Schritt gewagt, der bis dahin stets abgelehnt wurde: Die Policen der Kunden wurden an sogenannte Run-Off-Gesellschaften verkauft, ohne dass der eigentliche Kunde ein Mitspracherecht hatte. Im Fall der Generali hat es sich hierbei um 4 Millionen Verträge gehandelt, die an die Viridium-Gruppe verkauft wurden. Für den Lebensversicherer besteht der Vorteil darin, die hohen Garantiezinsen nicht mehr durch Eigenkapital bedienen zu müssen. Die Nachteile liegen beim Versicherten, der keinerlei Kontrolle darüber hat, wer seine Police betreut und ob das Run-Off-Unternehmen auch genügend finanzielle Sicherheit bietet. Wir zeigen Ihnen, was Sie jetzt noch tun können!

Run-Off-Firmen sehen sich als Alternative

"Run-Off" heißt übersetzt "ablaufen" und beschreibt die Übernahme von Versicherungsverträgen durch ein anderes Unternehmen. Im Prinzip bedeutet der Run-Off eines Versicherers, dass dieser keine Neuverträge mehr abschließt und seinen Bestand an Verträgen einem Run-Off-Unternehmen übergibt. Meistens entscheiden sich Lebensversicherer für diese Strategie, wenn die Finanzierung von hochverzinsten älteren Verträgen nicht mehr gegeben ist.

Befürworter dieser Methode betonen, dass sich für die Versicherten nichts ändert. Run-Off-Unternehmen werben mit ihrer schlankeren Verwaltung der Versicherungsbestände, weil sich diese lediglich auf ein Versicherungsprodukt konzentrieren. Die garantierten Leistungen aus der Lebensversicherung sollen dem Kunden erhalten bleiben. Dass Problem: Der Versicherte wird lediglich über die Vertragsübertragung informiert, nicht aber um Erlaubnis gefragt.

Generali Leben macht Run-Off-Firmen salonfähig

Das vergangene Jahr kann als ein Wendepunkt für die Versicherungsbranche bezeichnet werden, als die Generali Leben mit einem Schlag knapp 90 % ihres Bestandes an Lebensversicherungen verkaufte. Das Ereignis gleicht einem Dammbruch, denn auch andere Anbieter sehen in der Abwicklung der Verträge eine Chance, die finanziellen Defizite durch die Niedrigzinsen auszugleichen.

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat bereits im vergangenen Jahr 34 von 84 Lebensversicherer unter eine "intensivierten Aufsicht" gestellt, weil diese mittel- bis langfristig mit finanziellen Schwierigkeiten zu rechnen hätten. Die Abwicklung von Versicherungsbeständen wird von vielen Befürworten hier bereits als eine Branchen-Lösung vorgestellt, die Lebensversicherer langfristig entlasten könnte.

Kritik seitens der Verbraucherschützer wächst

Der Gesamtverband der deutschen Versicherer (GdV) sieht die Vorteile im Run-Off-Geschäft ganz klar beim Kunden. Dieser müsse sich nach Aussagen des GdV nicht mehr mit den Unsicherheiten eines großen Versicherers plagen. Ganz anders sieht das der Bund der Versicherten (BdV). Die Vertretung für Versicherte befürchtet einen Wettbewerb um die beste Rendite, bei der der Kunde die Lasten zu tragen hat.

Weiterhin kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abgeschätzt werden, wie erfolgreich Run-Off-Unternehmen wirtschaften. Weil lediglich Vertragsbestände übernommen und keine neuen Verträge geschlossen werden, müssen die Renten am Ende aus einem immer kleineren Geldtopf gezahlt werden. Wenn es sich ein Run-Off nicht mehr leisten kann, weitere Verträge aufzukaufen, droht früher oder später die Zahlungsunfähigkeit. Für den Versicherten heißt das: Den Letzten beißen die Hunde.

Run-Off-Unternehmen klärten Kunden nur bedingt auf

2017 verzeichnete die BaFin deutlich mehr Beschwerden bei den Run-Off-Unternehmen als bei den traditionellen Lebensversicherern. Die Gründe hierfür finden sich unter anderem in der digitalen Neustrukturierung. Durch technische Änderungen konnten etwa bestimmte optionale Verträge nur langsam in das neue Bestandsmanagement übertragen werden. Die schlankeren IT-Systeme werden in der Branche zwar gepriesen, dennoch müssen die dadurch eingesparten Kosten nicht dem Versicherten zugutekommen. Die Versicherungsaufsichtsbehörde erlaubt es, Run-Off-Unternehmen bis zu 50 % der so eingesparten Gelder zu behalten, um die eigene Liquidität zu gewährleisten.

Der Großteil der Beschwerden entstand jedoch aufgrund fehlender Aufklärung: Zwar werben Run-Off-Unternehmen mit einer verbesserten Organisation der Vertragsbestände, jedoch werden Kunden nicht über die Auswirkungen der langanhaltenden Niedrigzinsphase aufgeklärt. Die Verträge werden an Run-Off-Unternehmen übertragen, aber für die Betroffenen springt dabei kein finanzieller Vorteil raus. Die Zinsen bleiben gerade für jüngere Verträge weiterhin sehr gering und auch der Rückkaufswert einer Lebensversicherung kann unter Umständen genauso gering ausfallen wie bei einem traditionellen Lebensversicherer.

Der unsichtbare Elefant im Raum ist aber die Frage, wie gut Run-Off-Unternehmen für Kapitallebensversicherungen wirtschaften können. Run-Off-Unternehmen wollen die Kapitalanlage zwar effizienter gestalten, als es Lebensversicherern möglich ist, aber an den seit einem Jahrzehnt währenden Niedrigzinsen ändert das nichts.

Verkauf ohne Zustimmung

Allein die Tatsache, dass der Versicherte nur noch über den Verkauf seiner Police informiert wird, sollte als ernsthaftes Warnsignal gesehen werden. Nach § 13 Versicherungsvertragsgesetz (VAG) muss einer Übertragung des Versicherungsbestandes lediglich von der BaFin zugestimmt werden. Die Zustimmung vom Kunden muss nicht eingeholt werden. Der Kunde wird lediglich per Post informiert, dass die einst im besten Gewissen abgeschlossene Lebensversicherung nun einem anderen Konzern untersteht.

Run-Off: Nicht überstürzt kündigen!

Sie können die Versicherungsunternehmen nicht darin hindern, dass sie Ihre Police einem Run-Uff-Unternehmen übertragen. Überstürzt sollten Sie auf keinem Fall kündigen, weil Sie durch die derzeit niedrigen Zinsen eher noch Geld verlieren würden. Stattdessen lohnt es sich, darüber nachzudenken, ob Sie Ihre Lebensversicherung nicht widerrufen sollten. Durch unseren kostenfreien Online-Rechner können Sie sofort in Erfahrung bringen, ob sich der Widerruf Ihrer Kapitallebensversicherung lohnt.

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Diese Versicherungen haben sich für einen Run-Off entschieden

Auffallend oft haben die Versicherer angegeben, dass sie aufgrund der anhaltend niedrigen Zinsen einen internen oder externen Run-Off wenigstens prüfen. Die Liste der hier aufgezeigten Versicherer könnte sich im Laufe der kommenden Jahre noch ergänzen lassen. Im Prinzip sprechen die Versicherer ein und dieselbe Sprache: Durch die niedrigen Zinsen der vergangenen zehn Jahre können Versicherer nicht mehr gut genug wirtschaften, um alle laufenden Verträge der Lebensversicherungen zu bedienen.

Mannheimer Leben
  • hat bereits 2003 Vertragsbestände an Protector-Schutzgemeinschaft übertreten
  • 2017 Vertragsbestand von Protector an Viridium-Gruppe weitergegeben
Victoria Leben
  • Ergo-Konzern hat 2010 Neugeschäft der Tochter Victoria Leben eingestellt (interner Run-Off)
  • seit 2017 wird externer Run-Off zumindest geprüft
Delta Lloyd LV/
Hamburger Leben
  • Delta Lloyd Gruppe stellte 2010 Neugeschäfte der Delta Lloyd LV und Hamburger Leben ein
  • Bestände zuerst intern weitergeführt, später externer Run Off an Athene Holding
Aspecta LV
  • Übertragung auf die Schwester-Gesellschaft HDI Gerling 2010
Skandia
  • Fondspolicen wurden 2013 in einem externen Run-Off an die Heidelberger Leben übertragen
  • Heidelberger Leben heißt jetzt Viridium
Münchener Verein LV
  • Riester-Verträge, Fondspolicen an Run-Off-Firma Mylife übertragen 2015
Baseler Leben
  • Lebensversicherungen wurden extern an Frankfurter Leben 2017 übertragen
  • hierbei handelte es sich meist um hochverzinste Altverträge
Arag Leben
  • hat ihren kompletten Bestand an Frankfurter Leben 2017 abgegeben
Generali Leben
  • bereits seit 2015 hat Generali Leben kaum Neuverträge abgeschlossen
  • nahezu kompletter Bestand 2018 an Viridium-Gruppe übertragen
  • Großteil der Verträge hochverzinst
Familienschutz Leben/
Plus Leben
  • hat bereits 2009 internen Run-Off beantragt
  • werden seitdem von der Stuttgarter weitergeführt
Bayrische Beamten Leben
  • komplette Lebensversicherungsbestände 2010 intern auf Tochtergesellschaft Neue Bayrische Beamten LV übertragen
Zurich Gruppe
  • hat 2013 Neugeschäfte weitgehend eingestellt
Ergo Leben
  • stoppte 2016 Neugeschäft mit klassischen Lebenspolicen
  • seit 2018 interne Plattform zur Abwicklung des Vertragsbestandes