Wirecard hat einen Abstieg hinter sich, der seinesgleichen sucht. Die Bilanz wurde um 1,9 Milliarden Euro frisiert, der Wert der Unternehmens-Aktie ist dramatisch eingebrochen und nun folgt die Insolvenz. Wir erklären, wer dafür vielleicht seinen Kopf hinhalten muss.

Von der deutschen Tech-Hoffnung zum Problemkind

Das rund 5.000 Mitarbeiter starke und etwa 2 Milliarden Umsatz schwere deutsche Unternehmen Wirecard beherrscht aktuell die Schlagzeilen. Dem Finanzdienstleister wird massive Bilanzfälschung und Kursmanipulation vorgeworfen. Im Detail sollen 1,9 Milliarden Euro einfach erfunden worden sein, um die Bilanzen aufzupolieren. Über Jahre hinweg fiel das niemandem auf. Die Nachweise des Geldes, welches (nicht) bei verschiedenen philippinischen Banken lag, sollen gefälscht gewesen sein.

Bereits zwischen 2008 und 2019 gab es immer wieder Berichte renommierter Zeitungen, wie der Financial Times, über Ungereimtheiten in den Bilanzen von Wirecard. Dabei ging es u.a. um rechtswidrige Transaktionen in einem Büro in Singapur. Wirecard stritt jedes Mal ab, warf den Journalisten wiederum Kursmanipulation vor und verklagte sie. Erst als die Vorwürfe nochmals im Oktober 2019 veröffentlicht wurden und es dem Unternehmen zunehmend schwerfiel, sich herauszuwinden, sah man sich gezwungen, die Wirtschaftsprüfer KPMG für eine Sonderprüfung einzusetzen. Dadurch kam der Stein ins Rollen.

Als der Betrug aufflog, fiel die Aktie von über 100 Euro im Sturzflug auf zeitweise 1,42 Euro und die Anleger verloren in kürzester Zeit einen Haufen Geld. Mittlerweile hat Wirecard zudem Insolvenz beantragt. Es ist augenscheinlich, dass die Aktionäre nicht auf den Verlusten sitzen bleiben sollten. Es stellt sich nun die Frage, wer seinen Kopf und sein Portemonnaie dafür hinhalten muss.

Gegen wen können Wirecard-Aktionäre Schadensersatz fordern?

Wirecard

Ganz oben auf der Liste jener, die zur Rechenschaft gezogen werden sollten, steht natürlich das Unternehmen selbst. Die Bilanzfälschungen haben dafür gesorgt, dass Anleger einen zu hohen Preis für die Aktie bezahlt haben. Wenn Sie seit Beginn der Manipulation – also etwa in den letzten 7 Jahren – Wirecard-Aktien gekauft haben, dürfte Ihnen Schadensersatz in Höhe der Differenz zwischen bezahltem Preis und tatsächlichem Wert zustehen. Die Insolvenz des Unternehmens könnte eine Auszahlung letztlich aber erschweren. In der Rangfolge von Insolvenz-Gläubigern wären die Anleger recht weit hinten.

Manager

Auf Platz zwei der möglichen Klage-Ziele befindet sich die Führungsetage von Wirecard – allen voran der langjährige CEO Markus Braun, der zwischenzeitlich bereits festgenommen und gegen 5 Millionen Euro Kaution wieder freigelassen wurde sowie der ehemalige COO Jan Marsalek. Er und andere Top-Manager müssen die Gesamtbilanzen verantworten und mussten gegebenenfalls auch wissen, dass hier und da ein paar imaginäre Gelder hinzugedichtet wurden. Hier ist aber noch zu klären, ob Herr Braun und seine Kollegen liquide genug sind, um die möglichen Forderung der Anleger selbst zu bezahlen oder ob vielleichte eine sogenannte D&O-Versicherung für den Schaden aufkommt.

Ernst & Young (EY)

Zu klären bleibt noch die Rolle der Wirtschaftsprüfer EY (ehemals Ernst & Young). Diese haben jahrelang die Bücher von Wirecard geprüft und durchgewunken. Verschiedene Kanzleien haben bereits angekündigt, rechtliche Schritte zu prüfen.

Vermittler

Denkbar wären auch Schadensersatzansprüche der Aktionäre gegen die Vermittler von Finanzprodukten – also insbesondere Banken. Hier muss geprüft werden, ob diese bereits vor dem Crash die Alarmglocken bemerken und ihren Kunden vom Kauf entsprechender Anlageoptionen abraten mussten.

Was sollten Aktionäre jetzt tun?

Da noch nicht sicher ist, wer für die Verluste der Aktionäre haften muss und wer am Ende überhaupt die Mittel hat, um Schadensersatz bezahlen zu können, sollten Sie sich als Anleger auf jeden Fall vorbereiten. Wenn Sie in den letzten 7 Jahren Wirecard-Aktien jeglicher Form gekauft haben, sammeln Sie Ihre Unterlagen zusammen und bleiben Sie auf dem Laufenden! Die Klagewelle wird kommen und Sie sollten bereit sein, aufzuspringen.